Ernst Leonhard
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Ein Beitrag aus Band 1
der gelben maritimen Zeitzeugen-Buchreihe
"Seemannsschicksale"
Von der Loreley auf den
Maschinenleitstand
Ernst Leonhard
(+) wurde am 18.8.1907 in St. Goarshausen am
Fuße der Lorelei als Sohn des Taglohnarbeiters und Weinbauern
Georg Leonhard geboren. Der Vater war ein überaus
fleißiger und zielstrebiger Mann, der bis fünf Uhr abends einer
Lohnarbeit nachging und nach Feierabend seinen eigenen Weinberg
bearbeitete und pflegte. Später baute der Vater einen Weinhandel
auf. Zusammen mit zwei Schwestern und einem Bruder wuchs
Ernst in geordneten und behüteten kleinbürgerlichen
Verhältnissen am Rhein auf. Als Kind mußte er auf der
Lorelei Gras und Heu für die Kuh der Familie ernten. Er
lernte Schlosser und Maschinenbauer und sollte zur
Ingenieurschule gehen. Eines Abends, er war gerade 19 Jahre
alt, gab ihm der Vater das Schulgeld, das er am nächsten Morgen
für seine Ausbildung einzahlen sollte. Ernst hatte aber
andere Pläne: Ihn lockte die weite Welt. Er hatte sich
schon alles genau überlegt. Als seine Schwester ihm am
nächsten Morgen das Frühstück bereitete, ließ er sich nichts
anmerken, aß sich zu Hause noch einmal kräftig satt, fuhr statt
zur Ingenieurschule nach Frankfurt und von dort aus mit dem
Bummelzug nach Hamburg. „Ich war noch nie in einer
großen Stadt gewesen, wusste aber, dass es geraten sei,
vorsichtig zu sein.“ Nachdem er mehrmals die Wandelhalle des
Hamburger Hauptbahnhofs durchschritten hatte, sprachen ihn zwei
Burschen an, was er denn vorhabe. Bevor er sich weiter mit
ihnen einließ, suchte er zuerst die Toilette auf, um seine ihm
vom Vater anvertrauten Schulgeld-Barschaften im Strumpf zu
verstauen. In der Jackentasche behielt er nur etwas
Kleingeld. Dann zog er mit den beiden neuen Bekannten durch
die Mönckebergstraße in Richtung Hafen und St. Pauli, um sich
Hamburg zeigen zu lassen. Als die neuen „Freunde“
merkten, dass bei ihm nicht viel zu holen war, fand er sich bald
alleine auf St. Pauli. Doch brauchte er nicht lange zu
warten, bis ein neuer „Freund“ zur Stelle war. Inzwischen
hatte er seine Geldscheine bereits wieder aus dem
„sicheren“ Strumpf in losere Taschen verholt und sein
neuer Freund verstand es, ihm diese in einer typischen St.-
Pauli-Kneipe mittels eines Kartenspiels namens
„Kümmelblättchen“ abspenstig zu machen. Allen
Startkapitals beraubt, fand er die Heuerstelle am Baumwall, in
der es von arbeitsuchenden Seeleuten wimmelte. Ohne
schriftliche Einwilligungserklärung seines Vaters, so erfuhr er
hier, war jedoch nichts zu machen. Er fiel einigen
erfahrenen Fahrensmännern sogleich als „Greenhorn“
auf. Einer von ihnen nahm ihn mit in seine Schlafstelle im
„roten“ Viertel von Altona. Dort blieb er einige
Nächte. Seine betagte Zimmerwirtin prophezeite ihm, in
wenigen Tage werde ihn sicherlich jemand von der Familie wieder
heimholen, sie habe mit anderen jungen Burschen bereits
einschlägige Erfahrungen gesammelt. So kam es denn auch.
Morgens in der Frühe hörte er plötzlich die vertraute Stimme
seiner älteren Schwester, die in Begleitung eines Schutzmannes
vor seinem Bette stand. Für einige Tage blieben sie noch
in einem Hamburger Hotel, dann ging's wieder heimwärts an den
Rhein. Für die Seefahrt war er noch nicht ganz reif.
Er nahm vorerst eine Stelle als Maschinist auf einem Rheinschiff
an, bekam aber nach einem halben Jahr von dem Kapitän, einem
Hitzkopf, den Sack, nachdem es wegen einer Kleinigkeit zum Streit
gekommen war. Nun war der Vater soweit, ihm doch die
Einverständniserklärung für die Seefahrt zu erteilen. Jemand
hatte ihm den Tip gegeben, er solle in Bremen in einem bestimmten
Gasthaus einen Gruß von diesem Jemand bestellen, dann werde man
ihm helfen, ein Schiff zu finden. So machte er sich auf
nach Bremen und bekam, nachdem er den Gruß bestellt und einige
Schlosserarbeiten für den Gastwirt verrichtet hatte, einige Tage
darauf eine Stellung als Kohlenzieher auf einem kleineren Schiff der Levante-Fahrt.
Das war damals harte Arbeit, aber ihm machte es Spaß, dadurch in
die weite Welt zu kommen. So fing er Mitte der 1920er Jahre
mit der Seefahrt an und blieb mit einigen Jahren Unterbrechung in
der Nachkriegszeit etwa 35 Jahre dabei. Später fuhr er als
Maschinist und machte Anfang des Krieges sein C 3 -
Ingenieurs-Patent. Während des Krieges war er ohne
Marineuniform auf Handelsschiffen im Mittelmeer im
Nachschub-Dienst tätig, und mußte nach Beschuss und
Torpedierung seines Schiffes beim Durchfahren der Straße von
Messina und der Großen Syrte sowie auf dem Wege nach Kreta
mehrfach ins Wasser, um schwimmend sein Leben zu retten. Bei
Ende des Krieges wurde er in Norwegen für einige Monate
interniert und konnte dann zu seinen Verwandten an den Rhein
zurückkehren. Dort hielt es ihn aber nicht lange. Er
fand zunächst auf der Veddel in Hamburg einen Job als
Kranführer. Den alten Dampfkran mußte er aber zunächst
erst wieder eigenhändig betriebsfähig machen. 1951 gelang
es ihm dann, wieder Arbeit als 4. Maschinist auf einem Schiff zu
finden. Langsam ging es mit der Schifffahrt in Deutschland
wieder bergauf. Bei seinen Landaufenthalten wohnte er ab
Anfang 1952 in Hamburg immer im Seemannsheim am Wolfgangsweg und
ab 1959 bis 1972 am Krayenkamp . Er war gut befreundet mit
dem Seemannsheim-Hausvater Otto Brunschede und leerte mit diesem
zusammen manche Flasche vom väterlichen Weinberg in St.
Goarshausen, den sein Bruder inzwischen weiterbebaute.
Überhaupt war er kein Kind von
Traurigkeit. In seiner rheinischen Frohnatur war er beliebt
bei seinen Seefahrts-Kollegen an der Hamburger Küste. Er
bewohnte jahrelang als Rentner ein kleines Zimmer in einem
Ledigenhaus in Hamburgs Neustadt, ging mehrmals die Woche zum
Schwimmen und wanderte fast 90jährig noch oft bei schönem
Wetter um die Alster. Oft kam er noch zum Frühstück oder
zum Mittagessen und zu einem Schnack mit früheren Kollegen ins
Seemannsheim.
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